Lebende Wände im urbanen Dschungel
Das in Sachen Nachhaltigkeit beste Haus ist das, das nicht gebaut wird. Das zweitbeste ist das aus ökologischen Materialien gebaute und begrünte. Was nicht nur der Umwelt, sondern auch der Seele guttut.
Innsbruck – Singapur macht vor, wie eine Metropole mit fast sechs Millionen Einwohnern zum „urbanen Dschungel“ werden kann. Basierend auf einem ausgeklügelten „Green Plan“, laut dem der quadratmetermäßig winzige Stadtstaat bis 2050 klimaneutral sein soll. Durch die Anlage riesiger Grünflächen genau so wie Hausfassaden, die von Pflanzen überwuchert sind, sowie Innenhöfen, Balkonen und Dachgärten, in denen es in diversen Schattierungen ganzjährig üppig grünt und blüht. Was nicht nur den Menschen, die hier leben, guttut, sondern auch ein Versuch ist, den Klimawandel zu stoppen.
Das ehrgeizige Ziel des „Green Plan“ ist, in den kommenden Jahren nicht nur eine Million Bäume zu pflanzen, sondern auch – wenn immer möglich – den CO2 „Sünder“ Beton durch ökologisch nachhaltige Baumaterialien wie Holz zu ersetzen. Ein grundlegender Umdenkprozess, der langsam auch in unseren Breiten um sich greift.
Steingarten am Dach
Ein mit dem Gütesiegel „klimaaktiv Gold“ ausgezeichnetes Vorzeigeprojekt in Sachen Nachhaltigkeit ist der vom Architekturbüro DIN A4 geplante Neubau der Tiroler Versicherung in Innsbruck. Ein repräsentativer Zehngeschoßer, der im Wesentlichen aus Holz gebaut ist und dessen Fassaden, Dächer, Innenhöfe und Terrassen genauso wie die seitlichen Wände des Stiegenhauses zu „Gärten“ geworden sind, in denen mehr als 30 unterschiedliche Pflanzen gedeihen. Im siebten Obergeschoß gibt es etwa einen „Zirbenwald“, auf der nordseitigen Dachterrasse wurde ein alpiner „Steingarten“ an gelegt, am Dach des vierstöckigen hofseitigen Zubaus eine Wildblumenwiese, vor den Fenstern wurden mehr als 100 Pflanzentröge angebracht.

Die neue Zentrale der Tiroler Versicherung ist ein Referenzprojekt in Sachen umfassender Nachhaltigkeit. Das Gebäude ist zu einem großen Teil aus Holz bebaut und in- wie outdoor großflächig begrünt.
Keine leichte technische Herausforderung, so Rainer Sebal, Projektleiter der mit der Begrünung beauftragten Gieselbrecht GmbH. Der „Boden“, in den die einzelnen Pflanzen in den riesigen Living Walls out- wie indoor händisch gesetzt wurden, ist ein ganz spezielles dreilagiges Flies. Die Versorgung mit Licht genauso wie mit Wasser und Düngemitteln erfolgt automatisch und permanent per Computer überwacht über einen riesigen Tank im Keller.
Dass diese Gärten der sehr speziellen Art sorgsam gepflegt, abgestorbene Pflanzen entfernt und durch neue ersetzt werden müssen, ist ebenso klar wie kompliziert und aufwändig. Muss man bzw. „Firma“ sich leisten können und wollen. Sehr zur Freude der MitarbeiterInnen, die indoor die gute Luft genießen, genauso wie der hitzegeplagten StadtbewohnerInnen helfen Pflanzen doch nachweisbar, die sommerlichen Temperaturen zu senken und CO2 zu binden. Ganz abgesehen davon, dass Grün der Seele guttut.
Prinzip Nachhaltigkeit
Dass das nachhaltigste Haus das ist, das nicht gebaut wird, ist auch den Verantwortlichen für das in der Innsbrucker Adamgasse entstehende RAIQA klar. Weshalb Teile des Vorgängerbaus zum Tragwerk des Neubaus werden, der zu einem Teil aus Holz gebaut ist. Und Richtung Süden eine 90 Quadratmeter große grüne Fassade bekommen wird. Umgesetzt ebenfalls von der Firma Gieselbrecht, die bereits im vergangenen Jahr die Fassade des aus den 60er Jahren stammenden Gebäudes der „Tiroler Wohnbau“ am Südtiroler Platz begrünt hat. Mit rund 7400 Pflanzen, die hier in sechs Feldern auf fast 300 Quadratmetern gedeihen.
Von Edith Schlocker, erschienen am 31.05.2025 in der Tiroler Tageszeitung
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