Sphinx aus Beton, Glas und Licht
Vor zehn Jahren ist der Tiroler Baukünstler Horst Parson gestorben. Sein „Traumhaus“ hat er allerdings nicht für sich, sondern für eine mit ihm befreundete Künstlerin in einen Steilhang implantiert.
Aldrans – Das Haus, das der Tiroler Architekt Horst Parson für das Cover der 2012 erschienenen, angesichts seines Lebenswerks erstaunlich schmalen Publikation gewählt hat, ist das, das er am liebsten für sich selbst gebaut hätte. Gebaut hat er es allerdings für eine mit ihm befreundete Künstlerin, die sich spontan in das bei einer Ausstellung über utopische Architektur in der Innsbrucker Taxisgalerie gezeigte Modell des Hauses verliebt hat. Zwischen 1984 und 1986 realisiert exakt an jenem steil abfallenden Hang, für den es Parson geplant hatte und wofür er auch einen ZV-Bauherrenpreis bekommen sollte.
Gestern vor zehn Jahren ist Horst Parson wenige Monate vor seinem 80. Geburtstag gestorben. Sein „Traumhaus“, um das es hier geht, ist längst zu einer Architekturikone geworden. Wobei die Patina, die die aus Beton, Stahl und Glas in den Hang implantierte, von eleganten Rundungen dominierte Wohnskulptur mit den Jahren angesetzt hat, sie nur noch schöner macht.
Dass das Haus angesichts der in den 1980er-Jahren gültigen örtlichen Bauordnung überhaupt eine Baubewilligung bekommen hat, ist der klugen Entscheidung des damaligen Aldranser Bürgermeisters zu verdanken, einen etwas außerhalb des Ortskerns liegenden Steilhang für baukünstlerische Experimente zu widmen.
Von Licht geflutete Höhle
Obwohl der sorgsame Umgang mit Boden- und Energieverbrauch in den 80er-Jahren noch kaum Thema war, war Parson beides bei der Planung des Hauses wichtig. Indem der größte Teil in den Hang gegraben, seine Ausrichtung exakt nach Westen ausgerichtet ist, angelegt in drei Ebenen rund um ein von einer großen gläsernen Kuppel überwölbtes Atrium. Um auf diese Weise die „Höhle“ raffiniert mit Licht zu fluten, sie subversiv durchsichtig zu machen.
Eine strenge Symmetrie bestimmt äußerlich die Architektur, die an ihren Längsseiten durch in verzinktes Blech gehüllte Flanken begrenzt ist, die in ihrer klaren Linearität das Skulpturale des Entwurfs schön nachzeichnen. Räumlich inszeniert als ebenso elegantes wie klares Spiel mit Proportionen, Farben, Materialien und Formen. Um in der Gesamtheit das Haus wie eine in den Steilhang gebettete Sphinx daherzukommen zu lassen.

Das offene Atrium ist von riesigen, dem Licht entgegenwachsenden Palmen bevölkert.
Fotos: Schlocker
Über einige von zwei riesigen kugeligen Thujen flankierte Stufen nähert man sich über einen kleinen Platz dem Eingang an. Die auf drei Ebenen verteilten 140 Quadratmeter Wohnnutzfläche werden seitlich durch schmale Stiegen erschlossen. In das großzügig dimensionierte Foyer ist fast wie ein riesiger „Tisch“ mit sechs „Füßen“ die mit Holz beplankte Terrasse gestellt. Angedockt an das durch alle Geschoße offene geschotterte Atrium, in dem sich riesige, dem Licht entgegenwachsende Palmen sichtlich wohlfühlen.
Höhliges Flair dominiert den hintersten Raum in dieser basalen Ebene, wo hinter einer beidseitig offenen Wand gekocht, vor dieser gegessen wird. Exakt darüber liegt der Wohnraum, dem – getrennt durch das Atrium – die Terrasse vorgelagert ist, während ganz oben geschlafen wird. Mit einer Aussicht aus dem Bett himmel-, genauso wie wiesen- und bergwärts, die atemberaubend ist. Südseitig hat die Architektur zwei „Warzen“. Ausgebildet als intime Zonen des Rückzugs, die, weil komplett in den Hang gegraben, von außen unsichtbar sind. Im Gegensatz zu dem im ersten Geschoß liegenden Atelier der Bauherrin, das ein großes Bullauge als Tageslichtquelle bekommen hat.
Horst Parson war als ausgewiesenem Ästheten die Reduktion auf wenige pure Materialien und Farben wichtig. Sämtliche Wände sind weiß, die hölzernen Türen schwarz, die Rahmen der Fenster bzw. verglasten Türen schwarz bzw. weiß. Außer in den Nassräumen liegen im ganzen Haus große, von Hand gemachte italienische Terrakottafliesen am Boden. Inklusive zarter Fußabdrücke, die kleine Tiere „für ewig“ in dem noch weichen Ton hinterlassen haben.
Von Edith Schlocker, erschienen am 12.04.2025 in der Tiroler Tageszeitung.
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